Eine Stellungnahme von Berliner Intensivmediziner:innen

Im März 2020 wurden in Berlin die ersten intensivmedizinisch zu versorgenden Patient:innen im Rahmen der Corona-Pandemie aufgenommen. Die vergangenen 20 Monate der pandemischen Ausnahmesituation haben nicht nur das Intensivpflegepersonal extrem belastet, auch wir Ärzt:innen sahen und sehen uns weiterhin mit schwersten  physischen und psychischen  Arbeitsbedingungen konfrontiert. Die aktuelle Entwicklung der Neuinfektionen lassen die Hoffnung auf eine rasche Besserung versiegen. 

Leider ist es bereits vor der Corona Pandemie zu einer immensen Arbeitsverdichtung gekommen, welche durch eine hohe Belastung des gesamten intensivmedizinischen Teams, bestehend aus verschiedenen Berufsgruppen, die Sicherheit von Patient:innen gefährdet.  

Deshalb möchten wir, die Ärzt:innen der Berliner Intensivstationen auf die Umstände unserer Arbeit aufmerksam machen. Allem voran – wir alle lieben unsere Arbeit und möchten das Beste für unsere Patient:innen. 

Die angeprangerten Arbeitsbedingungen sind nicht von einzelnen Arbeitgebern oder den Krankenhauskonzernen abhängig, sondern existieren betreiberunabhängig berlinweit. Diese schlechten Arbeitsbedingungen sind begründet in der Vergütung der medizinischen Leistungen und unserem eigentlich leistungsfähigen, aber zunehmend überlasteten Gesundheitssystem mit dem Zwang gewinnbringend zu wirtschaften. Die Pandemie hat eine zuvor bereits schwierige Situation weiter zugespitzt, das berühmte „Fass zum Überlaufen“ gebracht. 

Als Arzt oder Ärztin auf einer Intensivstation verbringen wir nicht selten bis zu 80 Stunden pro Woche und mindestens zwei volle Wochenenden im Monat in der Klinik. An Wochenenden und Feiertagen sind es meist 13 Stunden pro Tag, sodass keine Zeit für Familie und Freunde mehr bleibt. Wir leisten lange Bereitschaftsdienste vom frühen Nachmittag bis zum nächsten Morgen ab.  Ein „Bereitschaftsdienst“ auf der Intensivstation bedeutet für uns, aufgrund schwer kranker Patient:innen und ständiger telefonischer Erreichbarkeit oft nur 2-3 Stunden Ruhezeit.  Der Tag danach gilt als frei, obwohl oftmals schon viele Stunden Arbeit an diesem Tag verrichtet wurden.

Dabei kommen Dinge zu kurz, die nicht zu kurz kommen dürfen: Gespräche mit Patient:innen und Angehörigen,  die emotionale  Begleitung Sterbender, aber auch die ruhige Minute, in der ein Fall noch einmal gründlich durchdacht werden kann. Für die eigene Erholung ist zu wenig Zeit und unseren Familien und Kindern verlangen wir seit Monaten Geduld und Nachsicht ab. 

Es gibt aus gutem Grund eine Begrenzung der Arbeitszeit für Pilot:innen oder Lastkraftwagenfahrer:innen. Ein Flugzeug darf nicht starten, wenn das Personal nicht die notwendigen Erholungszeiten einhalten konnte. Uns Intensivmediziner:innen, die ständig Verantwortung für Menschenleben tragen, wird eine angemessene Arbeitszeitbegrenzung jedoch verwehrt. 

Trotzdem haben wir vor allem in den vergangenen 20 Monaten enorme Flexibilität und einen hohen Arbeitseinsatz bewiesen, tragen regelhaft sehr kurzfristige Dienstplanänderungen selbstverständlich mit und verzichteten teils auf genehmigten Urlaub. Jedes Teammitglied, sowohl ärztlich als auch pflegerisch arbeitet seit 20 Monaten an der absoluten körperlichen und psychischen Belastungsgrenze und begibt sich täglich im Rahmen der erheblich zugenommenen ärztlichen Interventionen wie Intubationen, Lungenspiegelungen oder assistierten Beatmungsverfahren in erhöhtes Risiko einer Ansteckung. 

Allein durch unsere Flexibilität und unseren immensen Arbeitseinsatz ist es möglich wiederholt zusätzliche COVID-Intensivbetten zur Versorgung der Berliner Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.  Diesen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, sehen wir als unsere Aufgabe. Doch nach 20 Monaten intensivmedizinischer Spitzenleistung an der Belastungsgrenze sind wir Intensivmediziner:innen  erschöpft,  frustriert – schlichtweg über die Grenzen unserer Belastbarkeit gebracht. Dabei möchten wir auch weiterhin für jeden Einzelnen von Ihnen da sein. Aber bitte ausgeschlafen und vom letzten Dienst erholt. 

Wir als Berliner Intensivmediziner:innen sind nicht mehr bereit, diese Arbeitszustände zu akzeptieren und fordern daher eine  Neuanpassung unserer Arbeitszeiten bei angemessener Vergütung!

Wir sind keine Helden, wir sind Menschen, und wir möchten auch wie Menschen behandelt werden.

Mit deiner Unterschrift machst auch du auf diese Schieflage im System aufmerksam und hilfst unserer Notlage eine breitere Öffentlichkeit zu geben. Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit und Unterstützung!

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3356 Kommentare

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  5. Internistische Intensivmedizin, aber aus oben genannten Gründen ist für mich bald Schluss damit. Meine Gesundheit ist auch wichtig.

  6. Von der ärztlichen Belastung wird seit langem viel zu wenig gesprochen. Es geht nicht nur um die pflegerische Seite der Medaille.

  7. Danke für die Ehrlichkeit, die Zeit für diese Initiative und den Mut, die Umstände differenziert und klar darzustellen

  8. Sowas von Recht habt Ihr …die Bedingungen sind ein Skandal!
    Ich habe selbst deshalb die Klink verlassen und arbeite jetzt im öffentlichen Gesundheitsdienst!

  9. Es wird Zeit den Menschen die sich um die Gesundheit anderer Menschen kümmern so zu behandeln, zu respektieren und zu entlohnen, wie es bereits bei den Managerinnen und Managern geschieht, die lediglich Aktienanteile in ihren Fonds an- und verkaufen … um danach die entstandenen Stresssymptome von ebenjenen „Intensivmenschen“ behandelt zu bekommen und gepflegt zu werden!

  10. Unsere Intensivmediziner*innen leisten eine perfekte Arbeit welche entsprechend besser als jetzt vergütet werden soll.

  11. Universitätsklinikum Bonn – Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin